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Schauspiel in der Krise: "Theater ohne Publikum ist nicht möglich"

"Die Ausnahmesituation bringt viele freischaffende Künstler an den Rand ihrer Existenz" sagt Autorin und Regisseurin Julia Marie Wagner, die die Auftrittstermine für "Wally : Emilie" absagen musste.

Im Interview mit SCHNAPPEN.AT zeigt Julia Marie Wagner im Mai 2020 auf, womit Künstler während der Covid-19-Maßnahmen klar kommen müssen, welche Chancen sich plötzlich auftun, wie wesentlich das Menschliche ist und warum es keinen Ersatz für eine Live-Vorstellung gibt. "Theater ohne Publikum ist nicht möglich. Das kollektive Gefühl, das gemeinsame Atmen und Mitleben, wie es live stattfindet, kann nie reproduziert werden", sagt sie. Mehr über

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Fotos (c): AP, SCHNAPPEN.AT,
 
 
 
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"Wally : Emilie" & Gustav Klimt und Egon Schiele

WallyEmilieSchauspielVonJuliaMarieWagnerFotoPrinzSCHNAPPENatDas Stück "Wally:Emilie" mit dem Text von Julia Marie Wagner und der Musik von Barbara 'Babsea' Schutting beschreibt das Leben der zwei unterschiedlichen Frauen an der Seite der Expressionisten Gustav Klimt und Egon Schiele.

2018 feierte das Stück unter der Regie von Julia Marie Wagner mit der Uraufführung in Wien den Erfolg. SCHNAPPEN.AT berichtete darüber - hier

SCHNAPPEN.AT: Die Aufführungstermine von "Wally:Emilie" für 2020 mussten aufgrund von COVID-19 abgesagt werden, was bedeutet das für Sie als Regisseurin und Autorin?

Julia Marie Wagner: Es ist sehr schade, dass wir die April-Vorstellungen in der Klimt Villa absagen mussten. Wir sind ein kleines Team aus jungen Frauen, die über dieses Stück auch menschlich sehr miteinander verbunden sind – für uns sind die Aufführungen immer auch eine große persönliche Bereicherung, weil wir alle so gerne zusammen kreativ sind.

WALLY : EMILIE mit Menschen zu teilen, die sich auf diese Gefühlsreise einlassen, ist für mich ein großes Geschenk und ich hoffe, dass wir die abgesagten Termine im Herbst nachholen können.

Ersatztermine & die historischen Orten

SCHNAPPEN.AT: Wird es Ersatztermine geben?

Julia Marie Wagner: Wir hoffen es sehr. Für mich steht fest, dass wir WALLY : EMILIE weiterhin spielen werden. Wo und wann das wieder möglich sein wird, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Es wäre schön, wenn wir noch einmal in der Klimt Villa, am Standort von Gustav Klimts letztem Atelier, gastieren dürften.

Die intime Atmosphäre an diesen historischen Orten ist so besonders und es ist eine große Ehre dort zu spielen. Bis Ende Juni 2020 darf es keine Veranstaltungen in Österreich geben.

 

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Freischaffende Künstler am Rande der Existenz

SchauspielMitMusikWallyEmilieFotoPrinzSCHNAPPENatSCHNAPPEN.AT: Ist die Situation existenzbedrohend?

Julia Marie Wagner: Ja. Für viele freischaffende Künstler ist die derzeitige Lage tatsächlich existenzbedrohend. Bezahlt wird in den meisten Fällen nur bei Stattfinden einer Vorstellung, zudem gibt es oft keine weiteren Absicherungen.

Es ist schon schwierig genug in der freien Szene zu bestehen und eine solche Ausnahmesituation, wie sie derzeit herrscht, ist eine große Herausforderung, die vieles aufzeigt und auch viele an den Rand ihrer Existenz bringt.

Durch den Dschungel der Bürokratie

SCHNAPPEN.AT: Wie weit werden Sie von Land, Bund oder von Organisationen unterstützt?

Julia Marie Wagner: Es gibt Hilfe, aber ich finde es generell schwierig sich im Dschungel der Bürokratie und diversen Hilfsmodelle zurechtzufinden. Beispielhaft ist u.a. das Land Oberösterreich, das selbstständige Kulturschaffende durch direkte Notzahlungen unterstützt. Großartige Arbeit leistet auch z.B. die IG Freie Theater, die sich bemüht, diversen Fragestellungen auf den Grund zu gehen und wettzumachen, was die politische Spitze aufgrund oftmals unqualifizierter Aussagen nicht vermag.

 

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Vorstellungsabasagen & Entwicklung der Kulturszene

AutorinRegisseurinJuliaMarieWagnerUeberreichtBlumenFotoPrinzSCHNAPPENatSCHNAPPEN.AT: Viele Theater haben vorübergehend geschlossen. Wie werden sich die Vorstellungsabsagen auf die Kulturszene auswirken?

Julia Marie Wagner: Viele Produktionen wurden verschoben, manche wurden komplett abgesagt und werden wohl auch nicht mehr stattfinden, da auch die Künstler nicht immer zeitgleich verfügbar sind. Finanzielle Einbußen für Künstler und Theater haben ganz sicher Folgen, wie diese aussehen, werden wir bald merken.

Rückbesinnung auf das "Warum"

SCHNAPPEN.AT: Was würde die Kulturszene genau jetzt brauchen?

Julia Marie Wagner: Eine Rückbesinnung auf das „Warum“, erneute Wertschätzung und Hoffnung. Kunst und Kultur sind wesentliche Bestandteile unseres Seins. Kreativer Ausdruck ist notwendig, wenn auch nicht auf den ersten Blick lebensnotwendig. Ich sehe eine große Chance, sich gerade jetzt mit seinem persönlichen „Warum“ auseinanderzusetzen und das betrifft nicht nur Kunstschaffende.

Sein und Tun

Julia Marie Wagner: Warum mache ich etwas, was bewegt mich dazu, was möchte ich damit ausdrücken, was liegt meinem Sein und Tun zu Grunde? Viele von uns, die jetzt in Selbstisolation leben, konsumieren Kunst, die andere Menschen geschaffen haben. Ich schätze das jetzt viel intensiver und bewusster und bin neben den Systemerhaltern auch diesen Menschen sehr dankbar, da sie meine Existenz erfahrbar machen und bereichern.

 

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Theater ins Wohnzimmer streamen

JuliaMarieWagner(linksImBild)FotoPrinzSCHNAPPENatSCHNAPPEN.AT: Ist es denkbar, das Theater mit Online-Stücken ins Wohnzimmer zu verlagern? 

Julia Marie Wagner: Ab und zu freue ich mich über die Möglichkeit, großartige Produktionen aus dem Ausland zu streamen, aber ich persönlich bin kein großer Fan von Online-Übertragungen, da das Transitorische des Theaters, also das unmittelbare, flüchtige Erleben, das sich nicht festhalten lässt, für mich wesentlich ist.

Das kollektive Gefühl, das gemeinsame Atmen und Mitleben, wie es live stattfindet, kann nie reproduziert werden. Da greife ich derzeit lieber auf Medien zurück, die sich in ihrer ursprünglichen Form befinden, wie z.B. Film oder Literatur.

Theater ohne Publikum

SCHNAPPEN.AT: Gibt es neue Ideen und neue kreative Formen Theatervorstellungen abzuhalten?

Julia Marie Wagner: Die gibt es sicherlich und ich freue mich zu sehen, was aus dieser Zeit heraus alles entstehen wird. Es gibt so viel kreatives Potenzial und das Theater entwickelt sich immer weiter. Theater ohne Publikum ist allerdings nicht möglich.

 

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Achterbahnfahrt der Gefühle

SCHNAPPEN.AT: Wie sieht Ihr persönlicher Coronakrisen-Alltag aus, wie empfinden Sie die Krise?

Julia Marie Wagner: Ich fühle mich eigentlich sehr wohl. Diese Zeit ist für mich eine Achterbahnfahrt meiner Gefühle. In der ersten Woche war ich überraschend erleichtert, der Terminkalender war plötzlich ganz leer und ich hatte endlich Zeit für all die aufgeschobenen Dinge. Die Tage waren lang und ich hatte viel Energie.

"Kreativ sein" geht nicht auf Knopfdruck

Danach ist alles auf einmal langsam geworden, die Tage vergehen, ohne, dass etwas „passiert“. Eine Zeit lang habe ich mir viel Druck gemacht, „produktiv“ sein zu müssen. Ich arbeite an einem neuen Stück und plötzlich hatte ich so viel Zeit zu schreiben, aber ich konnte einfach nicht. Kreativ sein kann man nun mal nicht auf „Knopfdruck“ und das zu akzeptieren war schwer, ein ständiger Kampf mit meinen Selbstzweifeln, aber wichtig. Diese intensive Zeit lässt mich auch erkennen, wie oft wir uns über das Arbeiten und Leisten definieren. Aber unser Wert hängt nicht davon ab.

Krise beeinflusst emotional

Die Krise macht etwas mit uns, sie beeinflusst uns emotional, sie zeigt auf, was alles nicht funktioniert, aber auch wofür wir dankbar sein können oder was uns wichtig ist. Ich habe dann begonnen, mich auf diesen Prozess einzulassen und einfach meinen Impulsen zu folgen. Das gibt mir die Möglichkeit in Einklang zu kommen und mich einigen Lebensfragen zu stellen, also mich der inneren Arbeit zu widmen. Eine eigene Herausforderung.

 

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Das Wesentliche - das Menschliche

JuliaMarieWagnerImEilschrittFotoPrinzSCHNAPPENatSCHNAPPEN.AT: Denken Sie, dass sich die Theater- und Kulturszene nach der Krise verändern wird und inwieweit?

Julia Marie Wagner: Das glaube ich schon. Ich fühle mich aber nicht in der Lage eine Prognose zu stellen. Natürlich frage ich mich, für welche Welt man derzeit Inhalte schaffen kann.

Vor-Corona & Nach-Corona

Gibt es ein Vor-Corona und ein Nach-Corona? Wird die Welt noch an denselben Stoffen interessiert sein? Manches kommt mir im Moment dieser Situation nur mehr belanglos vor. Aber das Wesentliche, das Menschliche wird bestehen bleiben.

Liebe das Theater, die Musik, die Literatur

Julia Marie Wagner: Ich liebe das Theater, die Musik, die Literatur – die Kunst – weil sie es mir möglich machen, mein Leben zu reflektieren und mit mir selbst als Mensch in Berührung zu kommen. Das kollektive Fühlen und gemeinsame Erleben in einem Theater- oder Konzertsaal ist etwas ganz Besonderes und ich bin mir sicher, dass wir das wieder erleben und schätzen werden.

 

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Ur-Wesen des Theaters wünschenswert

SCHNAPPEN.AT: Könnte es durch die Corona-Krise neue Chancen und neue Wege für Schauspieler, Regisseure und Veranstalter geben?

Julia Marie Wagner: Definitiv. Ich muss gestehen, dass ich in den letzten Monaten wenige Produktionen im Theater gesehen habe, die mich wesentlich bewegt haben. Vieles ist oft nur mehr Provokation oder zu abstrakt, um verstanden zu werden.

Jeder hat sein eigenes Erleben dieser Zeit

Eine Art Rückbesinnung auf das Ur-Wesen des Theaters wäre für mich wünschenswert. Aber ich liebe die Vielfalt des Theaters und die Unterschiedlichkeit der Ausdrucksweisen, deswegen bin ich gespannt,  welche Auswirkungen die Krise auf die Kreativität hat, da auch jeder von uns sein ganz eigenes Erleben dieser Zeit hat.

 

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Entschleunigung & auf eigene Intuition hören

SCHNAPPEN.AT: Sehen Sie in der Corona-Krise auch positive Aspekte, was würden Sie gerne aus dieser Zeit in die Zukunft mitnehmen?

Julia Marie Wagner: Auf jeden Fall. Diese Entschleunigung war sehr wichtig für mich und ich glaube auch für die Welt. Ich hatte oft das Gefühl, nicht mithalten zu können, aber darum geht es gar nicht. Ich empfinde diese Zeit als Hinweis, noch stärker auf seine eigene Intuition zu hören und sich in Vertrauen zu üben. Die Unsicherheit ist ein großer Teil unseres Lebens und wir müssen lernen, mit ihr umzugehen.

Das ist nicht leicht, besonders wenn unsere Existenz davon abhängt, aber sie zeigt uns auch, was wesentlich ist.

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