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IV Präsident Gerger: Gefahren und Chancen für den Wirtschaftsstandort Burgenland

ManfredGergerImInterviewFotoWilhelmBoehm2016"Wir brauchen start ups und eine neue Gründergeneration" sieht der Präsident der Industriellenvereinigung Burgenland und Geschäftsführer der Firma Hella, Manfred Gerger, den Wirtschaftsstandort Burgenland in großer Gefahr. Im Gespräch zeichnet sich aber auch großes Potential ab, wie man dieser Gefahr erfolgreich begegnen könnte. Unter anderem auch dadurch, dass die Jugend technisch qualifiziet und im Lande gehalten werden kann. Manfred Gerger, IV Präsident und Geschäftsführer der Hella International im Interview mit Wilhelm Böhm vom Online-Magazin SCHNAPPEN.AT über:

Fotos / Redaktion: Wilhelm Böhm


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Der Präsident der Industriellenvereinigung über die Ausbildung im Burgenland

 

IV-Präsident Manfred Gerger im Interview

 

PraesidentUndGeschaeftsfuehrerManfredGergerFotoWilhelmBoehmSCHNAPPEN.AT: Wie sehen sie die Ausbildungssituation im Burgenland?

IV-Präsident Manfred Gerger: Auf der einen Seite haben wir einen hohen Maturantenanteil. Auf der anderen Seite gibt es das Problem, dass uns diese Leute abwandern, in dem sie in Graz, Wien, Wiener Neustadt oder anderswo in ein Studium einsteigen. Und wie die Erfahrung zeigt, kommen sie so schnell nicht wieder ins Burgenland zurück.

SCHNAPPEN.AT: Was kann man dagegen tun?

Gerger: Politik und Wirtschaft sind diesbezüglich gefordert, neue Wege zu finden. So müssen wir schauen, wie attraktiv das Angebot an den Studiengängen der Fachhochschulen im Burgenland ist und gegebenenfalls Anpassungen vornehmen. Sei es durch neue Schwerpunkte an den verschiedenen Standorten oder auch durch Verbindungen wie mit dem Technikum in Güsssing zum Thema erneuerbare Energie. Der Abwanderung entgegenwirken sollte auch, dass man Studenten das tägliche Pendeln zwischen Studienort und Heimatdorf schmackhaft macht. Bei guten Anbindungen und günstigen Fahrttarifen könnten sich diese teure Wohnungen und hohe Lebenskosten ersparen, wenn sie weiterhin ins Familien- und Gemeindeleben eingebunden sind.

SCHNAPPEN.AT: Sind dafür die Voraussetzungen gegeben?

Gerger: Nein, noch nicht. Und damit wären wir wieder bei einer alten Forderung der IV nach Ausbau der Infrastruktur im Burgenland. Zur Zeit lässt sich eigentlich nur sinnvoll zwischen Wien und dem Nord-Burgenland pendeln. Im Süden sieht es da viel schlechter aus. Auch was die Verbindungen nach Graz betrifft.

 

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In Schulen werden technisch orientierte Schwerpunkte nicht wirklich vermittelt!

 

GergerHellasBurgenlandFotoWilhelmBoehmOesterreichSCHNAPPEN.AT: Und was soll mit jenen geschehen, die nicht pendeln wollen?

Gerger: Die sind insofern ein Problem, weil viele insbesondere im Lehrlingsalter schwer für technische Berufe zu motivieren sind. Sie suchen lieber nach Jobs im Gewerbe- und Dienstleitungsbereich, wo es aber zu wenige Ausbildungsplätze gibt.

SCHNAPPEN.AT: Wieso will die Jugend nicht in technische Bereiche gehen?

Gerger: Wir haben ein Manko aus den Schulen heraus. Da werden technisch orientierte Schwerpunkte nicht wirklich vermittelt. Es wird kaum versucht, den jungen Leuten das Thema Technik nahe zu bringen. Dazu kommt, dass weder Schulen noch Eltern wissen, welche Möglichkeiten und welche Lehrberufe es in der Technologie gibt. Auch nicht, welche Weiterbildungsqualifikationen angeboten werden. Dass aus einem Lehrberuf heraus heute Matura und auch Studium möglich sind, ist noch immer zu wenig bekannt.

SCHNAPPEN.AT: Ist die Politik gefragt, dies zu vermitteln?

Gerger: Nicht nur die Politik. Auch der Landeschulrat ist sehr gefordert, Informationen an das Lehrpersonal weiter zu geben.

 

 

 

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"Unternehmen stellen mehr Lehrlinge ein"

 

ManfredGergerGeschaeftsfuehrerHellasFotoWilhelmBoehmSCHNAPPEN.AT: Wie weit aber sind auch die Unternehmer gefordert?

Gerger: Sich auf die Politik zu verlassen, dass diese Arbeitsplätze und Lehrstellen schafft, ist kein guter Weg, auch wenn das oft vor Wahlen so klingt. Die Politik schafft bestenfalls Rahmenbedingungen wie z.B. bei der Infrastruktur oder im Bildungsbereich. Leider erbringen die Ansätze bei der Bildungsreform aber nicht, was man sich seitens der Industrie erhofft hat. Nachdem Landeshauptmann Hans Niessl aber das Thema Bildung massiv in den Mittelpunkt stellt, besteht die Chance für das Burgenland eine gewisse, positive Vorreiterrolle zu übernehmen.

SCHNAPPEN.AT: Doch zurück zu den Betrieben, was machen die?

Gerger: Ich erkenne bei den burgenländischen Betrieben durchaus eine steigende Bereitschaft, Lehrlinge aufzunehmen. Die Unternehmen haben dabei erkannt, wie wichtig es ist, zu vermitteln, welche Qualifikationen Jugendliche über ihre Lehre hinaus erreichen können. Auch die Chancen, die es gibt, seinen Beruf im eigenen Land ausüben zu können. Wir bei Hella praktizieren diesen Weg ebenfalls erfolgreich. Hatten wir vor Jahren noch 6 bis 7, so sind es heute bereits 23 Lehrlinge, die wir ausbilden.

SCHNAPPEN.AT: Wie ist Hella dieser Sprung von 6 auf 23 Lehrlinge gelungen?

Gerger: Wir haben uns das Durchschnittsalter unserer Facharbeiter angeschaut und erhoben wie viele natürliche Abgänge in den nächsten 10 Jahren zu erwarten sind. Dazu wurde eruiert, welche neuen Berufsschienen es in der Industrie gibt, die wir in unsere Produktionsschiene einbinden können. Lehrlinge wurden dann in diesen neuen Bereichen eingesesetzt und die betriebliche Entwicklung zu optimiert. Gleichzeitig haben wir immer die Weiterbildung der Lehrlinge im Auge. Wenn sie weiter studieren, werden sie auch finanziell unterstützt. Dabei zeigt sich, dass diese Kräfte letztlich langfristig im Unternehmen verbleiben.

 

 

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Sorge um Wirtschaftsstandort Burgenland

GergerManfredInterviewIVBurgenlandOesterreichFotoBoehmSCHNAPPEN.AT: Generell ist es aber leider noch so, dass diverse start ups und andere Unternehmen gleich gar nicht im Burgenland beginnen bzw. irgendwann abwandern. Auch aus steuerlichen Gründen. Muss man sich da große Sorgen um den Wirtschaftstandort Burgenland machen?

Gerger: Nachdem das Burgenland nicht mehr von Ziel 1 Fördergeldern der EU profitiert, sind wir als reiner Produktionsstandort nicht mehr so lukrativ und interessant. Leider wurde im Burgenland in Förderzeiten verabsäumt, eine Strategie zu entwickeln und jetzt ist es schwierig, einem Industrieunternehmen Vorzüge für eine Betriebsansiedelung im Burgenland zu erklären. Zum Glück sind diverse Industrieunternehmen, die nicht nur produzieren, sondern auch entwickeln, trotzdem im Lande verblieben.

SCHNAPPEN.AT: Wie weit wirkt die Steuerreform dem Abwanderungstrend entgegen?

Gerger: Leider kaum, denn diese Steuerreform zeigt ebenfalls, dass wir weder auf Landes- noch Bundesebene einen Masterplan und eine Strategie für die nächsten Jahrzehnte haben. Wenn ich eine Steuerreform mit mehr als 5 Milliarden Euro ins Leben rufe und auf der anderen Seite nicht weiß, wie ich diese gegenfinanziere, dann wird das ein Problem. Die Unsicherheit in der Industrie und Wirtschaft ist daher weiter gegeben. Jeder Einzelne kann sich ausrechnen, dass die Gelder für die Gegenfinanzierung bei der derzeitigen Politik nicht vorhanden sind und aus dieser Unsicherheit heraus sind die Unternehmen nicht bereit, wirklich in die Betriebsentwicklung zu investieren. Bestenfalls wird Geld für Ersatzinvestitionen bei kaputten Maschinen ausgegeben aber nicht für Wachstum und Erweiterung. Der Ansatz, den Arbeitnehmern über die Steuerreform mehr Geld ins Börsel zu bringen, ist zwar positiv, aber es wurde viel zu wenig für die Industrie und die Unternehmer getan, um den Standort Österreich und Burgenland attraktiver zu machen.

SCHNAPPEN.AT: Was müsste konkret noch für die Unternehmer passieren?

Gerger: Wir sind im internationalen Vergleich weltweit nach wie vor für keinen Investor in Sachen Lohnnebenkosten interessant. Und wie gesagt, kann sicher jeder erdenken, dass die Steuerreform wieder über weitere Belastungen der Unternehmer finanziert werden wird.

 

 

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Sozialversicherung? "Fürchte, wir werden daran scheitern"

 

GespraechGergerManfredIndustriellenvereinigungFotoWilhelmBoehmSCHNAPPEN.AT: Was sagen sie zur Situation der Sozialversicherungskassen in Österreich?

Gerger: Das hängt mit der allgemeinen Förderalismussituation in Österreich zusammen. Kein Staat der Welt kann sich ein Verwaltungssystem wie wir in Österreich leisten.  Und ich fürchte, daran werden wir auch scheitern. Nur eine Verwaltungsreform im Bund und in den Ländern mit Reduzierung und Zusammenlegung vieler Verwaltungseinheiten wie auch der Sozialversicherungskassen, könnte uns aus dem wirtschaftlichen Dilemma befreien. So lange das nicht gegeben ist, sind wir als Industriestandort nicht interessant.

SCHNAPPEN.AT: Würden sie mit Ausblick auf 2016 jungen Menschen trotzdem raten, im Burgenland zu joben oder Unternehmer zu werden?

Gerger: Man darf das Burgenland nicht generell schlecht reden und muss schon auch festhalten, dass es sich in den letzten zwölf Jahren, sprich der Ziel 1 Phase, sehr, sehr gut entwickelt hat. Sei es punkto Tourismund aber auch allgemeiner Wirtschaft und Industrie.Wir haben die 100.000 Beschäftigungsmarke im Burgenland erreicht und Unternehmen angesiedelt. Wenn sich junge, künftige Arbeitnehmer entsprechend informieren, finden sie noch immer gute Berufsmöglichkeiten vor. Ich würde aber auch künftigen Unternehmen empfehlen, nachzudenken bzw. sich zu informieren, wie weit start ups in Kooperation mit der Industrie gewagt werden können. Da gibt es viele Möglichkeiten der Unterstützung, sei es in finanzieller, aber auch beratender Natur.

 

 

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Nischenthemen wie erneuerbare Energie und Gebäudetechnik nutzen

 

GergerManfredIVPraesidentOesterreichBurgenlandFotoWilhelmBoehmSCHNAPPEN.AT: Es gibt also Nischen und Bereiche, die man nützen kann?

Gerger: Ja, denn das Burgenland hat gewisse Kernkompetenzen entwickelt. Zum Beispiel beim Thema der erneuerbaren Energie. Daran, aber auch auch im Bereich der Gebäudetechnik und  anderen Sparten, wo das Burgenland mit großem Entwicklungspotential unterwegs ist, sollte man unbedingt festhalten. Im Gegenzug muß aber unseren jungen Leuten viel intensiver vermittelt werden, dass sie in einer Region leben, in der Zukunft vorgesehen ist. In erwähnten Bereichen, haben wir Potential, wie sonst nirgends in Österreich.

SCHNAPPEN.AT: Wo sehen sie das Burgenland in 3 bis 5 Jahren und in welchem Europa?

Gerger: Europa muss sich ebenfalls massiv weiterentwickeln. Es hat genauso Strategie und Masterplan für die nächsten Jahren bitter nötig. Sei es in Sachen Zuwanderung oder Flüchtlingsproblematik. Da müssen auch mit den neuen Mitgliedsstaaten in Osteuropa neue gemeinsame Wege gefunden werden.

Für das Burgenland wünsche ich mir, dass wir uns wesentlich mehr mit dem Thema start ups und Jungunternehmerförderung beschäftigen. Und beginnend von der Elemetarbildung bis hin zur hochqualtitativen Bildung müssen wir es in die Vorreiterrolle schaffen. Über Pilotprojekte könnten wir zeigen, was alles möglich ist, denn nur viele start ups und eine neue Gründergeneration können dem Burgenland eine gute Zukunft bescheren.

 

 

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